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Autor Thema: Germany 0 Points - Quo vadis ESC?  (Gelesen 67 mal)

Urmeline

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Germany 0 Points - Quo vadis ESC?
« am: Mai 24, 2015, 08:39:00 Nachmittag »

Perfekte Licht- und Lasershows - der Interpret wird dabei fast nebensächlich. Gesangliches Können rückt immer weiter in den Hintergrund, nackte Haut und Glitzeroutfits dafür umso mehr in den Vordergrund ... die meisten Songs plätschern recht einheitlich dahin, ... hier und da springt einem eine deutlich hörbare Nähe zu bekannten Interpreten wie Paul McCartney und Coldplay ins Gehör.

27 Teilnehmer, und doch kann mich persönlich jedenfalls keiner so richtig begeistern. Auch nicht Máns Zelmerlöw, der spätere Sieger aus Schweden. Ohne Zweifel ein gut gemachter Song, der den Mainstream-Pop hochleben lässt, aber für meinen Geschmack ohne "wow"-Effekt. Und der Künstler selbst? Nicht unumstritten, soll er doch 2014 in einer schwedischen Kochshow in stark alkoholisiertem Zustand Homosexualität als „avvikelse“ bezeichnet haben, was in etwa "von der Norm abweichend" bedeutet (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A5ns_Zelmerl%C3%B6w). Auch wenn er sich für diese Äußerung entschuldigt haben soll, ein fader Beigeschmack bleibt.

Die Italiener? Nun, stimmgewaltig. Aber nichts, was nicht schon einmal dagewesen wäre, erinnern sie doch stark an berühmte Tenöre.

Und so zieht es sich durch alle Teilnehmersongs hindurch - der ein oder andere Titel hebt sich zumindest etwas aus der Masse der ewig gleichartigen Tracks hervor, einige wenige wissen zumindest in großen Teilen zu gefallen, aber es gibt keinen wirklich hervorragenden Beitrag, nichts, bei dem man spontan begeistert wäre.

Thematisch dominiert der Frieden und natürlich die Liebe ... Songs mit wirklichem Tiefgang sind nur ganz vereinzelt dabei.

Vielleicht bin ich auch zu anspruchsvoll, zu kritisch oder einfach zu alt.

Es wird sehr gestenreich performt. In mehr oder minder gelungenen, meist farbenfrohen Outfits, viel Rüsche, viel Glitzer. Und noch mehr (fast nackte) Haut.

Es hat etwas von Zauberei. Dort ist ja Ablenkung bekanntermaßen das Mittel der Wahl. Genau wie beim ESC der letzten Jahre und insbesondere dem 60. von 2015. Man achtet mehr auf die vom oft recht dürftigen gesanglichen Können sehr geschickt ablenkenden Lichteffekte und Lasershows als auf die Künstler selbst.

Mit der schon oft siegreichen Startnummer 17 ist der deutsche Beitrag an der Reihe. Ann-Sophie performt sichtlich sehr bemüht vor einem übergroßen Scheinwerfer, der irgendwie an eine überdimensionierte OP-Beleuchtung erinnert. Zum Bond-Girl fehlt ihr aber leider ein wenig das Stimmvolumen und die Präsenz.

Nach 1965 und 1966 wieder eine 0-Points-Pleite für Deutschland. Allerdings – damals waren deutlich weniger Länder am Start und damit deutlich weniger Jurys, von denen hätten Punkte kommen können. Bei 27 Startern und 40 abstimmenden Ländern hätte 2015 doch eigentlich der ein oder andere Punkt kommen müssen …

Rein theoretisch zumindest.

Es wird von „Experten“ viel geschrieben, warum Ann-Sophie denn nun so punktelos abgeschnitten hat. Es gibt auch viele - meiner Meinung nach völlig unverständliche und ungerechtfertigte - Vorwürfe in Richtung Andreas Kümmert.

Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung – die aber vermutlich niemand hören will:

Ehrliche Musik wird immer rarer. Vieles ist von Musikproduzenten und Machern komplett und bis ins kleinste Detail durchgestylt, Produzenten, die bestimmen, wie es klingen muss und wie es dargeboten werden soll. Und natürlich von wem.

Songs werden in diversen Rotationsstufen so lange in den Programmen der meisten Sender rauf und runter gespielt, bis sie förmlich zu Staub zerfallen - sie werden mit Gewalt ins Gehör gebohrt und suggerieren den ahnungslosen Hörern damit, der Song läuft so oft, weil alle ihn immer wieder hören wollen - also muss er gut sein - ergo  muss ich ihn kaufen, um mitreden zu können, in zu sein und möglichst viele Likes (und noch mehr neue Freunde) auf Facebook für mein neuestes Schnäppchen zu bekommen.

Das alles geschieht natürlich nicht, weil die Musikindustrie weiß, was wir hören wollen und uns völllig selbstlos einfach mit toller Musik versorgen möchte - sondern vielmehr mit dem Ziel, dass die Massen die „Hit-Singles“ und „Erfolgs-Alben“ kaufen, die wie Konfetti vor die Konsumenten gestreut werden – und der Rubel für die Plattenindustrie rollt und rollt und rollt.

Gewinnmaximierung hat ihren Preis. Musik verkommt zu einer gigantischen Lasershow in Glitzer-Outfits mit viel nackter Haut und kurzer Halbwertzeit. Gesangliches oder musikalisches Können ist - oft zumindest - schon lange nicht mehr ausschlaggebend.

Wo kaum oder keine Stimme ist, sind technische und / oder optische Effekte. Tiefgründige, textliche Inhalte weichen immer häufiger ausladenden Gesten (auch "performen" genannt) und dynamischen "Moves" (Tanzschritten) und werden allzu gerne durch nichtssagende aber gestenreich ins Mikrofon gehauchte "Yeahyeahs" und "ohohohs" ersetzt. Anspruchsvolle Texte oder gar Themen mit Tiefgang sind immer seltener erwünscht. Die Musik soll berieseln, heile Welt und Sonnenschein verbreiten, aber nicht beschweren und schon gar nicht einen Denkprozess anstoßen. Songs und Interpreten werden immer vergänglicher, heute noch ein „Nummer-1-Hit“ und morgen kennt schon niemand mehr den Namen...

Der ESC ist (fast) perfekt durchorganisiert. Alles wird zu einer gigantischen, grellen, glitzernden Bühnenshow – durchs Programm führen dauerlächelnde durchgestylte Botox-Schönheiten, sichtlich bemüht, selbst beinahe noch strahlender zu sein als die Show selbst.

Für Zuschauer wie mich, die den ESC schon verfolgten, als er noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson “ (bis 2001) genannt wurde... und man noch in der Landessprache singen musste … bleiben Fragen, viele Fragen. Und es werden jährlich mehr.

Wie kommen die Stimmen eigentlich zustande? Wie viele Zuschauer haben für wen gevotet? Welches Votum wurde denn nun eigentlich für wen abgegeben? Wie genau wird warum wie in den Halbfinalrunden entschieden? Wo werden die Televotings gesammelt und wie wird kontrolliert, ob man denn für ein bestimmtes Land anrufen darf oder nicht? Wie wird geprüft, ob jeder tatsächlich nur 20 Mal anruft? Die ESC App lässt die Kassen klingeln und hüllt sich ansonsten in (schwarzen) Rauch... eine Auflösung, wer wie viele Stimmen im Televoting bekommen hat, sucht man vergebens.

Warum stellen sich eigentlich so wenige Leute diese Fragen? Interessiert es niemanden? Oder haben die Leute in der nur einen Klick entfernten Welt der Social-Networks - in der man ja bekanntlich bei jedem Log-in vorgeschlagen bekommt, was man wem wie worüber schreiben soll - verlernt, eigenständig zu denken und vor allem, Dinge zu hinterfragen? Selfies und großformatige Fotos des neuesten küchentechnischen Ereignisses sowie Ablichtungen der ach so günstigen Einkäufe im Outlet-Center ... können wir nicht mehr mehr ?

Es scheint fast so. Klicken ohne zu denken, konsumieren ohne zu hinterfragen. Der TV lügt nicht. Genauso wenig wie die von mir gewählten Volksverdreher - sorry - ich meine natürlich Volksvertreter.

Aber zurück zum ESC:

In der Landessprache singen ist längst out...

Und die Landes-Vorentscheide? Zumindest hierzulande bleibt es dubios. Nirgendwo gibt es eine Liste der Bands und Interpreten, die sich überhaupt für den Vorentscheid beworben haben. Und kaum ist der Vorentscheid vorbei, findet sich auch keine Aufstellung der Teilnehmer mehr. Waren früher eher unbekannte Interpreten am Start, sind heute, bis auf die „Wild-Card“ nur hochkarätige Musiker und Bands am Start, meist schon mit einem (Major)Label-Vertrag ausgestattet. Und ein fader Beigeschmack bleibt, ob alles denn wirklich ohne Absprachen abläuft und die Zuschauer tatsächlich (mit) entscheiden.

Irgendwie drängen sich da spontan Namen diverser Pseudo-Reality- und ebenso gefakter Musik-Shows in die Gedanken - und erscheinen auf und ab hüpfend vor dem geistigen Auge, fiese grinsend.

Der ESC hat inzwischen sehr viel von seinem ursprünglichen Charme verloren.

Die wenigsten Interpreten schaffen es, nach einer ESC-Pleite noch einmal erfolgreich durchzustarten.

Quo vadis ESC? Vielleicht wäre Back to the Roots eine Lösung - weniger ist oft mehr!

Andreas Kümmert hat wohl eine sehr weise - und vermutlich die einzig richtige - Entscheidung getroffen. Sich der gigantischen ESC-Maschinerie gar nicht erst auszusetzen. Respekt!



(Text: B. Reinert; jegliche Verwendung, auch auszugsweise, nur mit unserer vorherigen, schriftlichen Zustimmung)
« Letzte Änderung: Mai 24, 2015, 10:26:41 Nachmittag von Urmeline »
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"If there's nothing wrong with me... maybe there's something wrong with the universe!" -- Dr. Crusher (Star Trek - The Next Generation - Episode "Remember Me")
 

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